Modul- und Programmentwicklung: Frank Voß
| 2.2.1 Anwendungsbereich |
| 2.2.2 Prozessbeschreibung |
| 2.2.3 Programmtechnische Umsetzung |
| 2.2.4 Literatur |
| 2.2.5 Verwendete Parameter |
Die Berechnung der Schneedynamik ist der Modellebene Meteor zugeordnet und beschreibt innerhalb dieser Ebene den Prozess der Schneedeckenentwicklung und der Schneeschmelze. Die Schneemodellierung gewinnt in zunehmendem Maße als hydrologische Einflussgröße vor allem bei Hochwasserereignissen an Bedeutung. Regenfälle auf eine Schneedecke machen sich am Flusspegel entweder kaum bemerkbar oder aber sie rufen besonders intensive Abflusssteigerungen hervor. Im ersten Fall führt dies zu einer Veränderung des Zustandes der Schneedecke, im zweiten Fall wird eine kritische Lagerungsdichte überschritten, so dass der Regen ohne größere Zeitverzögerung zum Abfluss kommt und zudem freies Wasser aus der Schneedecke abfließt. Je nach Metamorphosezustand der Schneedecke kann mehr oder weniger Wasser in den Hohlräumen aufgenommen werden. Diese Prozesse sollen im Folgenden näher beschrieben werden und beruhen auf dem Schmelzsetzungsverfahren (Snow-Compaction) nach Bertle (1966).
Die Entwicklung einer Schneedecke gliedert sich in vier Phasen:
Man kann sich feuchten Schnee als wassergefüllten Eis-Schwamm vorstellen. Die Schneeschmelze führt zum Abbau des Eisskeletts, so dass bei Überschreiten der Rückhaltefähigkeit das gespeicherte freie Wasser plötzlich freigesetzt wird. Der für den Schneedeckenabfluss kritische Wert der Lagerungsdichte ρDkrit liegt zwischen 40 und 50 %.
Die Entwicklung der Schneedecke sind in der Abbildung 2‑1 noch einmal dargestellt.
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Abbildung 2‑1: Die Metamorphosezustände einer Schneedecke (Quelle: Schriftenreihe des DVWK, Heft 46)
Um eine Aussage über den Wasserhaushalt einer Schneedecke machen zu können, müssen beide Vorgänge beachtet werden: Die Schneehöhenänderung infolge der Schneeschmelze und die Höhenänderung infolge der Setzung.
Zur Beschreibung der oben beschriebenen Prozesse eignet sich das Schmelzsetzungsverfahren nach Bertle (1966) sehr gut. Hierbei wurde ein empirischer Zusammenhang zwischen der anfänglichen Schneehöhe und der Menge des zugeführten freien Wasser ermittelt. Dieser kann durch den folgenden linearen Zusammenhang ausgedrückt werden:
(Gl.2‑1)
mit
PH = Schneehöhe in % der Ausgangshöhe [%]
PW = akkumuliertes Wasseräquivalent in % vom anfänglichen Wasseräquivalent [%]
Zur Berechnung des Abflusses aus einer Schneedecke ist zudem die Bestimmung der potentiellen Schneeschmelzintensität notwendig. Diese kann mit Hilfe eines Näherungsverfahrens berechnet werden. Da meteorologische Messgrößen zur Aufstellung der Gesamtenergiebilanz einer Schneedecke häufig nicht vorliegen, wird an dieser Stelle ein einfaches Grad-Tag-Verfahren angewendet. Die potentielle Schneeschmelzrate Mp (Einheit hier in [mm]) wird dabei aus der Summe der täglichen Mittel der positiven Lufttemperatur und einem empirisch ermittelten Grad-Tag-Faktor abgeschätzt. Die Vorhersage der potentiellen Schmelzrate Mp erfolgt mittels der Gleichung:
[mm/DT] (Gl.2‑2)
mit
at = Gradtag-Faktor [mm/(°C*DT)]
TL = mittlere Lufttemperatur [°C]
Tb = Referenztemperatur (meist 0°C) [°C]
In der Literatur werden die in der Tabelle 1 angegebenen Werte für den Grad-Tag-Faktor angegeben.
| Bedeckung | at [mm/(°C*d)] |
| offenes Gelände | 4 - 7 |
| Laubwald mit geringem Anteil an Nadelbäumen | 3 - 4,3 |
| Nadel- oder dichter Laubwald | 1,5 - 2,3 |
| Hochgebirge, Gletscher | > 6 |
Um auch eine Berechnung in beliebiger Zeitschrittweite zu ermöglichen lässt sich dieser Faktor auf den Zeitschritt DT skalieren.
Bei Erreichen der Grenzbedingung ist der Wert für die größtmögliche prozentuale Aufteilung von akkumuliertem Wasseräquivalent zum Wasseräquivalent des Trockenschnees vorzugeben (PWmax). Dieser berechnet sich aus:
[%] (Gl.2‑3)
wobei:
ρt0 = Trockenschneedichte vor Beginn der Schneedeckensetzung (Akkumulationsende) [%]
(Gl.2‑4)
ρtmax = Höchstwert der Trockenschneedichte in der nassen Schneedecke (im Grenzzustand) [%]
Das Schmelzsetzungsverfahren nach Bertle (1966) wird über das Steuerwort 'SCHNEEMODELL' mit der Option '3' in der Datei modul.ste aktiviert.
Als Nutzerschnittstelle für die Modellparametrisierung existiert in der Datei modul.ste in dem Abschnitt "MET_MOD1" ein Abschnitt zur Eingabe der beiden Parameter ρDkrit und ρD0 (s. Abbildung 2‑2). Diese beiden Kennwerte, die einerseits die kritische Lagerungsdichte und andererseits die Neuschneedichte beschreiben, sind vorzugeben. Somit gelten diese Parametereinstellungen jeweils für das gesamte zu berechnende Gebietsmodell. Als weitere Variante kann ρD0 auch temperaturabhängig berechnet werden. Hierzu wurde eine Beziehung von Meister 1985 implementiert:
[%]
Dieses Verfahren wird aktiviert, indem der Parameter ρD0 in der Steuerdatei modul.ste auf '0' gesetzt wird.
MET_MOD1
SCHNEEMODELL 3 /* 0 Niederschlagsdargebote gegeben, */
/* 1 nach Koitzsch */
/* 2 nach Weise/Wendling */
/* 3 Snow-Compaction nach Bertle (1966) */
RHO_D0 15.0 /* >0 nur für Schneemodell 3: Neuschneedichte(10-20%) */
/* 0 Berechnung einer temperaturabhängigen Neu- */
/* schneedichte (Meister 19..) */
RHO_DKRIT 40.0 /* nur für Schneemodell 3: kritische Lagerungsdichte */
/* für das Einsetzen des Abflusses aus der Schnee- */
/* decke (schnell 40% - 45 % langsam) */
Abbildung 2‑2: Auszug aus der Datei modul.ste - Modulsteuerung MET_MOD1
Werte für ρD0 liegen zwischen 5 % und 20 %, Werte für ρDkrit zwischen 40 % und 45 %. Der kritische Wert ρDkrit ist ein Schwellenwert für die Strukturentwicklung einer Schneedecke. Er ist kein spezifischer Stoffwert, so dass in der Natur durchaus höhere Werte vorkommen können.
Weitere Parametereinstellungen werden in der Datei 'meteor.ste' vorgenommen. Hier kann zwischen der Schmelztemperatur über der Schneeschmelze ('GRENZTEMPERATUR_S') und der Grenztemperatur für den Schneefall ('GRENZTEMPERATUR') unterschieden werden. Je nach Einzugsgebiet und dem Berechnungszeitschritt können die Angaben hier deutlich variieren. So kann im Tagesschrittmodell die Schmelztemperatur durchaus unter 0 °C angesetzt werden, da sich dieser Wert auf einen mittleren Tageswert bezieht (s. Abbildung 2‑3).
GRENZTEMPERATUR 0.8 /* Grenzwert der Tagesmitteltemperatur, unter */
/* der Schneefall angenommen wird */
GRENZTEMPERATUR_S -0.5 /* Grenzwert der Tagesmitteltemperatur, über */
/* der Schneeschmelze angenommen wird */
Abbildung 2‑3: Auszug aus der Datei meteor.ste
Bislang wird für den Grad-Tag-Faktor ein konstanter Wert von 3 mm/(°C*d) angenommen. Dieser kann nur modellintern variiert werden. Für weitere Anwendungen ist es zwingend erforderlich diesen Parameter an die vorliegenden Eingangsdaten zur Landbedeckung zu koppeln.
Des Weiteren wurde als weiterer Ansatz zur Berechnung der Schneeschmelzintensität ein Temperatur-Faktor-Verfahren, wie es in Knauf (1980) beschrieben wird, implementiert:
[mm/h] (Gl.2‑5)
mit
Dieses Verfahren kann allerdings nur im Quellcode selbst aktiviert werden. Für die Berechnung auf Stundenwertbasis sind hierzu allerdings noch Modelluntersuchungen zur Konsolidierung des Verfahrens durchzuführen. Daher wurde diese Modellvariante auch noch nicht als Auswahloption in der Steuerdatei modul.ste aufgeführt.
Als Ausgangsdaten werden für die Berechnung der Schneedeckenabflussganglinie bei diesem Verfahren Werte für die Temperatur und den Niederschlag benötigt. Zudem werden die zuvor in der Modulebene ABI berechneten Werte für die potentielle Verdunstung (Abi_PotVerdunstung()) und die aktuelle Verdunstung (Abi_AktuelleVerdunstung()) zur Berechnung der Sublimation verwendet. Die hier berechneten Werte der Sublimation haben direkten Einfluss auf die Werte der aktuellen Verdunstung, da diese um den Anteil der Sublimation erhöht werden. Sublimation (MSub) findet in dieser Modellvariante nur bei Temperaturen unterhalb der GRENZTEMPERATUR (s. Abbildung 3) statt. Sie berechnet sich aus:
[mm/Δt] (Gl.2‑6)
Die Sublimation verringert das Wasseräquivalent des Trockenschneeanteils.
In den Berechnungen zur Ermittlung des Wasserhaushaltes der Schneedecke wird der Energiegehalt bzw. der Kälteinhalt der Schneedecke vernachlässigt. Von besonderer Bedeutung ist jedoch, dass die Zufuhr an freiem Wasser entweder aus dem Schneeschmelzvorgang oder aber direkt aus flüssigem Niederschlag stammen kann. Das Schmelzsetzungsverfahren kann auch auf Fälle mit intermittierendem Schneefall und bei Schichtenbildung angewendet werden. Für die Ermittlung des Schneedeckenabflusses ist es dabei unerheblich, ob die Bilanzierung für jede Schicht separat oder einheitlich für die gesamte Schneedecke durchgeführt wird.
Der Ablauf der Akkumulationsphase wird in folgende Teilprozesse untergliedert:
(Gl.2‑7)
(Gl.2‑11)
(Gl.2‑13)
(Gl.2‑14)Da in diesem Fall noch keine Setzung stattgefunden hat, ist die aktuelle Lagerungsdichte gleich der Trockenschneedichte.
Eine Wasserabgabe aus der Schneedecke findet nicht statt, so dass auch das Niederschlagsdargebot 0 mm beträgt. Die hier berechneten Größen müssen allesamt zwischengespeichert werden, da sie im Falle der Schneesetzung bzw. des Abschmelzens der Schneedecke herangezogen werden müssen.
Falls die Lufttemperatur im aktuellen Zeitschritt geringer als die Grenztemperatur, oberhalb derer Schneeschmelze angenommen wird (s. Abbildung 3: GRENZTEMPERATUR_S), ist, findet eine Umwandlung innerhalb der Schneedecke statt. Dies wird auch mit Schneesetzung oder 'snow-compaction' in der Literatur beschrieben. Da die Werte für die beiden festzulegenden Grenztemperaturen 'GRENZTEMPERATUR' und 'GRENZTEMPERATUR_S' (s. Abschnitt 2.2.3) nicht identisch sein müssen, kann im Berechnungsablauf innerhalb eines Zeitschrittes sowohl Schneefall als Schneesetzung stattfinden. Der Ablauf der Umwandlung der Schneedecke gliedert sich in folgende Teilschritte, sofern die kritische Lagerungsdichte noch nicht überschritten ist (ρD < ρDkrit; s. Abschnitt 2.2.3; ρDkrit zwischen 40 und 50 %):
(Gl.2‑16)In der Umwandlungsphase findet noch kein Ausfluss aus der Schneedecke statt. Der bereits geschmolzene Schnee kann komplett in der Schneedecke gespeichert werden. Somit beträgt das Niederschlagsdargebot auch in dieser Phase 0 mm.
Im Grenzzustand werden folgende Bedingungen erfüllt:
Hiermit wird deutlich gemacht, dass kein weiteres Wasser in der Schneedecke gespeichert werden kann und ein Abfließen aus der Schneedecke nicht mehr verhindert werden kann.
Die Abfrage dieses Grenzzustandes wird rechentechnisch gesehen bereits in der Umwandlungsphase vollzogen, da dieser Zustand eine Rückrechnung aller anderen Größen erfordert. Dies erfolgt in folgender Reihenfolge:
(Gl.2‑19)
(Gl.2‑22) wobei sich die neue Schneehöhe aus der Schneehöhe vor der Setzung durch Subtraktion der hier berechneten Schneehöhenänderung ergibt.
(Gl.2‑23)Beim Abbau der Schneedecke ist die kritische Lagerungsdichte bereits überschritten (ρD > ρDkrit). Das gesamte Wasser aus der Schneeschmelze wird aus der Schneedecke abgeführt und kommt zum Abfluss. Das Niederschlagsdargebot entspricht also der Schmelzwasserabgabe.
Die max. Dichte des Trockenschnees ρtmax wird wie im Grenzzustand bereits beschrieben nach Gleichung 2‑2 festgelegt, so dass sich hieraus die Schneehöhenänderung berechnen lässt. Trockenschnee ist in dieser Phase nicht mehr vorhanden. Auch hier darf am Ende des Zeitschrittes das gesamte akkumulierte Wasseräquivalent Wakk nur max. Wfsmax betragen (Wakk = Wfsmax).
Die Berechnungsabfolge sieht wie folgt aus, wobei hier auf die Darstellung der Formeln verzichtet wird, da sich diese aus dem zuvor beschriebenen Text ableiten lassen:
Bertle, F.A. (1966): Effect of Snow-Compaction on Runoff from Rain and Snow. Bureau of Reclamation, Engineering Monograph, Washington.
Knauf, D. (1980): Die Berechnung des Abflusses aus einer Schneedecke. In: Schriftenreihe des DVWK, Heft 46: Analyse und Berechnung oberirdischer Abflüsse. DVWK, Bonn
Meister, R. (1985): Density of new snow and its dependence on air temperature and wind. Workshop on the Correction of Precipitation Measurements. Zürich.
Schöniger, M. Dietrich J. (2002): Hydroskript. http://www.hydroskript.de
| rD0 | [%] | Neuschneedichte |
| rD | [%] | Lagerungsdichte der Schneedecke |
| rDkrit | [%] | Schwellenwert der Lagerungsdichte, bei der die Wasserabgabe aus der Schneedecke einsetzt |
| rt | [%] | Trockenschneedichte |
| rt0 | [%] | Trockenschneedichte vor Beginn der Schneedeckensetzung |
| rtmax | [%] | Höchstwert der Trockenschneedichte in der nassen Schneedecke |
| DHN | [mm] | Schneehöhenzuwachs durch Neuschnee |
| N | [mm] | Niederschlag |
| MP | [mm] | Potentielle Schneeschmelzrate (aus dem Gradtagverfahren), Gl. 1 |
| DWfs | [mm] | freies Wasser aus Schneeschmelze |
| Ht | [mm] | Trockenschneehöhe (ohne Berücksichtigung der Setzung) |
| DHS | [mm] | Schneehöhenänderung durch MP |
| Wt | [mm] | Wasseräquivalent des Trockenschnees |
| Wakk | [mm] | akkumuliertes Wasseräquivalent |
| Wfmax | [mm] | Maximaler Wassergehalt bei rDkrit |
| PW | [%] | Wakk / Wt; akkumuliertes Wasseräquivalent in Prozent vom Wasseräquivalent des Trockenschnees |
| PWmax | [%] | größtmöglicher Wert von PW |
| PH | [%] | Schneehöhe in Prozent der Ausgangshöhe, Gl. 2 |
| Hneu | [mm] | Höhe der Schneedecke nach Setzung der Schneedecke |
| Wmax | [mm] | Maximaler Wassergehalt bei rDkrit |
| Nd | [mm] | Niederschlagsdargebot |