5.2 Physikalische Grundlagen

5.2.1 Wasserbilanz und Energetik
5.2.2 Saugkräfte und Widerstände

Physikalisch ist die Verdunstung von vier Faktoren abhängig:

  1. Differenz zwischen dem Dampfdruck an der Oberfläche und dem der oberflächennahen Luft;
  2. An der Oberfläche zur Verfügung stehende Energie;
  3. Menge des in der Luft abtransportierten Wasserdampfes;
  4. Menge des an der Oberfläche vorhandenen oder dorthin transportierten Wassers.

5.2.1 Wasserbilanz und Energetik

Formulierung und schematische Darstellung der Wasserbilanz (Abb. 5.1) eines Ausschnittes der Erdoberfläche bis zu der Tiefe, aus der Wasser noch in den atmosphärischen Kreislauf einbezogen ist (in mm Wasserhöhe über einen Zeitabschnitt) sowie der Energiebilanz (Abb. 5.2) einer als massenlos gedachten Oberfläche der Erde:

Wasserbilanz
P + E + R + ∆W = 0
P Niederschlag
E Verdunstung (Evaporation)
R Abflusshöhe (ober- und unterirdisch)
W Wasservorratsänderung

Abb. 5.1: Schematische Darstellung der Wasserbilanz

Energiebilanz
Rn + H + G + LE = 0
Rn Nettostrahlung
H fühlbarer Wärmestrom
G Bodenwärmestrom
LE latenter Wärmestrom

Abb. 5.2: Schematische Darstellung der Energiebilanz

Der latente Wärmestrom LE der Verdunstung ist eine Energieflussdichte, angegeben in W/m². Dem entspricht der Wasserdampfstrom der Verdunstung, angegeben in kg/(m²s). Grundlage der Verknüpfung der Wärme- und Wasserhaushaltsgrößen bildet der Energiebedarf, der zur Umwandlung von einem Kilogramm flüssigen Wassers in Wasserdampf notwendig ist, definiert als spezifische Verdampfungswärme L* des Wassers, die von der Temperatur T abhängt: L* = (2,498 - 0,00242 T) 106 J/kg. Mit der Dichte des Wassers ρ = 10³ kg/m³ entspricht 1 kg/m² 1 mm Verdunstungshöhe.

5.2.2 Saugkräfte und Widerstände

Der Wasserentzug der Erdoberfläche durch Verdunstung kann durch die Saugkraft der mit Wasserdampf fast immer ungesättigten Luft gefördert, aber durch Bindungskräfte des Wassers im verdunstenden Körper verzögert werden (Wasseroberfläche: Oberflächenspannung; Boden: Wasserspannung; Pflanzengefäße: Stomata-Widerstände). Ein weiterer Verdunstungswiderstand ist die laminare Grenzschicht (Baumgartner & Liebscher 1996).

Die Saugkraft der Luft SL ist nach dem van't Hoffschen Gesetz in Abhängigkeit von der relativen Luftfeuchtigkeit F = (e/E) · 100% oder vom Sättigungsdefizit f = 100 - F (%) zu berechnen. Die Luft ist ein Wasser absorbierendes Medium. Die Saugkraft Luft bzw. Atmosphäre kann wie folgt beschrieben werden:

Saugkraft Luft bzw. Atmosphäre
SL = (ρ · R · T) · μ -1 · ln (E/e)
ρ Dichte des Wassers
R allgemeine Gaskonstante (8,13 Ws mol-1 K-1)
T absolute Temperatur [K]
μ Molgewicht des Wassers (18g mol-1)
ln (E/e) (≈ 1-f) relatives Sättigungsdefizit
E maximal möglicher Dampfdruck der Luft
e tatsächlicher Dampfdruck der Luft

Bedeutung der laminaren Grenzschicht Erdoberfläche / Luft bei molekularer Impulsübertragung und Impulsdiffusion:

Besteht ein Gradient der Konzentration von Wasserdampf in der Luft, so sorgt die Molekularbewegung für einen Stoffstrom, den man auch als Partikel-Diffusion (Diffusionsgesetz: Ficksches Gesetz) bezeichnen kann, d.h. allgemein:

Volumen/Massenfluss = Diffusionskoeffizient für Wasserdampf * Potentialgefälle.

Der Transport von Wassermolekülen, definiert als Massenfluss E pro Flächeneinheit (Verdunstungsrate), ist proportional zum Konzentrationsgradienten ∂χ/∂z, wobei D der molekulare Diffusionskoeffizient für Wasserdampf ist (1d). Die integrale Form lautet:

E = χ / ∫ dz D-1,

also Volumenfluss = Differenz eines Potentials/ Widerstand, d.h. der Volumenfluss ist propotional ∆ψ / ∑r, mit ∑r als Summe aller Widerstände der Transportwege des Verdunstungsstroms. Abb. 5.3 schematisiert die verschiedenen Potentialdifferenzen in der Pflanze und im Kontinuum Boden-Pflanze-Atmosphäre (wichtig für die Berechnung der Verdunstung von bewachsenen Oberflächen -> Evapotranspiration).

Abb. 5.3: Potentialdifferenz Kontinuum Boden-Pflanze-Atmosphäre (nach Lüttge, Kluge & Bauer 1994, Zahlen aus Noble & Jordan, J. Exp. Bot. 34: 1379, 1983)

Aus Abb. 5.3 des Systems Boden-Pflanze-Atmosphäre, dargestellt an einer kalifonischen Pflanze (Composite Encelia farinosa), kann folgendes abgeleitet werden:

Die Größenordungen der biologischen Widerstände (Diffusionsbarrieren) sind abhängig u.a. von

Man unterscheidet die folgenden Widerstände:

Der Gesamtwiderstand kann mit rt abgekürzt werden.

Tabelle 5.1: Größenordnungen der biologischen Widerstände (nach Baumgartner & Liebscher 1996):
Widerstand Symbol Pflanzentyp Größenordnung [s/cm] Bemerkungen
Stomatawiderstand rs Xerophyten > 30  
Mesophyten 1 - 2
Grenzschichtwiderstand ra   0,3 - 1 kleine Blätter u. leichter Wind
Kutikulärer Widerstand rk Xerophyten 40 - 400  
Mesophyten 20 - 40